Schwangerschaftsdemenz & Stilldemenz
Auf einen Blick
- Etwa 80 Prozent aller Schwangeren und Stillenden erleben eine gewisse Vergesslichkeit – das ist völlig normal
- Hormonveränderungen (Östrogen, Progesteron, Oxytocin, Prolaktin) sind die Hauptursache für die verminderte Konzentration
- Die Gedächtnisstörungen sind keine echte Demenz und verschwinden meist nach einigen Monaten wieder
Du hast schon wieder den Autoschlüssel verlegt und wichtige Termine vergessen? Keine Sorge – du bist nicht allein! Viele werdende und frischgebackene Mamas kennen dieses Gefühl der Vergesslichkeit nur zu gut. Was umgangssprachlich als Schwangerschafts- oder Stilldemenz bezeichnet wird, hat tatsächlich körperliche Ursachen und ist kein Grund zur Beunruhigung.
🧠 Was ist Schwangerschaftsdemenz oder Stilldemenz?
Schwangere und stillende Frauen neigen oft zur Vergesslichkeit. In der Umgangssprache wird das auch als Schwangerschaftsdemenz oder Stilldemenz bezeichnet. Obwohl dieser Zustand keine richtige Demenz ist, so gibt es doch körperliche Ursachen für eine gewisse Schusseligkeit.
Eine reduzierte Konzentrationsfähigkeit und Gedächtnisleistung machen sich oft in den letzten Monaten der Schwangerschaft bemerkbar. Diese Effekte sind nicht einfach ein individuelles Empfinden oder Einbildung, sondern lassen sich in Studien messen und zeigen. Etwa 80 Prozent der Schwangeren und Stillenden sind von dem Phänomen betroffen.
Gut zu wissen: Das schlechte Gedächtnis ist keine degenerative Erkrankung. Deine Gehirnzellen gehen nicht verloren – nach der Geburt nimmt das Hirnvolumen vieler Frauen sogar deutlich messbar zu.
Die Veränderungen lassen sich auch in Tierversuchen zeigen. Dabei kamen auch die positiven Aspekte zu Tage. Versuche mit Ratten zeigten, dass eine Umstellung im Hirn passiert und die Mütter ihre Jungen dadurch besser versorgen konnten.
🔍 Was ist die Ursache für die Vergesslichkeit?
Eine Schwangerschaft führt zu vielen Veränderungen im ganzen Körper. Auch das Gehirn ist davon nicht ausgenommen. Wie bei den meisten anderen Symptomen der Schwangerschaft ist der veränderte Hormonhaushalt die Hauptursache der Veränderung.
Im letzten Schwangerschaftsdrittel und im frühen Wochenbett ändern sich die Hormonlevel im Blut noch einmal deutlich. Betroffen sind vor allem die Spiegel der folgenden Hormone:
- Progesteron
- Östrogen
- Oxytocin
- Prolaktin
Die Mengen von Östrogen und Progesteron im Blut steigen am Ende der Schwangerschaft noch einmal deutlich an, um dann mit der Geburt und vor allem dem Abstoßen der Plazenta abzufallen. Prolaktin und Oxytocin steigen dagegen deutlich an. Vor allem der Stillbeginn lässt die Menge dieser Hormone ansteigen.
Die Hormone Prolaktin und Oxytocin im Fokus
Die Hormone Prolaktin und Oxytocin sind für die Milchbildung und die Förderung der Beziehung zwischen dir und deinem Baby verantwortlich. Aus diesem Grund sind junge Mütter sehr stark auf die Versorgung des Kindes konzentriert. Aus dieser Tatsache heraus vermuten Wissenschaftler, dass eine stillende Frau nicht so viel Aufmerksamkeit auf andere Dinge richtet wie zuvor. Alltägliche Abläufe und Handlungen bekommen daher einfach weniger Beachtung. Einige Dinge werden dann auch tatsächlich vergessen.
Es ist nachweisbar, dass das Gehirn von jungen Müttern sich vor allem in den Bereichen verändert, die für die Bildung der Beziehung zwischen Mutter und Kind wichtig sind. Das Volumen nimmt in den Regionen zu, die für die folgenden Dinge verantwortlich sind:
- Mütterliche Motivation
- Verarbeitung von Emotionen
- Problemlösung
Die Vergesslichkeit in der Schwangerschaft ist keine Schwäche, sondern eine geniale Anpassung deines Körpers. Dein Gehirn konzentriert sich auf das Wichtigste – dein Baby.
Stress und Schlafmangel als zusätzliche Faktoren
Auch starker Stress kann mit für eine Schwangerschafts- oder Stilldemenz verantwortlich sein. Dann wird das Hormon Cortisol ausgeschüttet, das sich negativ auf die Vergesslichkeit auswirken kann. Dieser Stress kann zum Beispiel durch Schlafprobleme entstehen. Vor der Geburt sind sie meist in den körperlichen Veränderungen begründet. Die Blase drückt öfter, es kommt unter Umständen zu Sodbrennen und es ist nicht mehr so leicht eine bequeme Schlafposition einzunehmen.
Die Tiefschlafphasen, die unter anderem gestört werden, sind im Normalfall besonders wichtig für die Festigung der Gedächtnisinhalte. Darüber hinaus hindert Schlafentzug die Hirnzellen an der nötigen Regeneration.
Tipp: Nach der Geburt entwickelst du einen sogenannten Ammenschlaf – du wirst schon beim kleinsten Geräusch wach. Das Stillen kann sich dann positiv auswirken, da es den Cortisolspiegel im Blut wieder absinken lässt.
Psychische Faktoren nicht unterschätzen
Auch psychische Faktoren können sich negativ auf die Gedächtnisleistung auswirken. Ein problematisches soziales Umfeld, eine allgemeine Überforderung oder andere emotionale Belastungen des Kinderkriegens führen zu Gedächtniseinbußen.
Viele werdende und junge Mütter erleben eine Überflutung mit Angst, Freude und Sorgen. Es ist kein Wunder, wenn die Denkleistung dann nicht für alle Dinge ausreicht und es zu Gedächtnisstörungen kommt. Darüber hinaus kann der Schlafrhythmus durch den oftmals unregelmäßigen Tagesablauf gestört werden.
Einige Forscher haben Studien zur Gehirnmasse während der Schwangerschaft durchgeführt. Dabei haben sie Hinweise gefunden, dass diese während des letzten Schwangerschaftsdrittel geringfügig abnimmt. Allerdings nimmt das Gehirnvolumen nach der Entbindung wieder zu.
💭 Wie macht sich Schwangerschaftsdemenz oder Stilldemenz bemerkbar?
Wenn du schwanger bist oder stillst, kann es sein, dass du eine Verwirrtheit anhand verschiedener Aufgaben bemerkst. Häufig kommen die folgenden Schwierigkeiten vor:
- Der Schlüssel wird nicht mitgenommen
- Termine werden vergessen
- Das Zähneputzen wird vergessen
- Die Einnahme von Medikamenten wird vergessen
- Es kommt zu Wortfindungsstörungen
Daraus lässt sich schließen, dass von einer Schwangerschafts- oder Stilldemenz verschiedene Bereiche betroffen sind. Vor allem sind das die folgenden Funktionen:
- Vorausschauendes Gedächtnis
- Verbales Gedächtnis
- Arbeitsgedächtnis
Gut zu wissen: Das Kurzzeitgedächtnis ist dagegen in der Schwangerschaft und Stillzeit oft nicht beeinträchtigt.
💪 Was hilft gegen die Vergesslichkeit?
Gegen die Hormonveränderungen in der Schwangerschaft und Stillzeit lässt sich nicht viel machen. Das wäre auch nicht sinnvoll, weil sie wichtig für die Bindung zwischen Mutter und Kind sind. Außerdem helfen sie dir dabei, die Strapazen der Geburt zu vergessen.
Aber du kannst die Ausschüttung von Stresshormonen reduzieren und damit die Defizite der Denkleistung und Konzentration reduzieren. Hilfreiche Maßnahmen sind unter anderem:
- Achte auf ausreichend Schlaf
- Iss regelmäßig und ausgewogen
- Trink ausreichend Flüssigkeit
- Vermeide Stress
- Lass Aufgaben im Haushalt von anderen erledigen
- Sorge für regelmäßige leichte Bewegung
- Mach Pausen
Praktische Alltagshilfen
Auch das Stillen des Babys kann gegen die Unaufmerksamkeit helfen. Die Milchbildungshormone wirken den Stresshormonen entgegen. Darüber hinaus kann eine gute Planung hilfreich sein. Nutze Kalender und stelle dir Erinnerungen in deinem Handy für Verabredungen ein. Auch andere Personen können dich an wichtige Termine erinnern.
Tipp: Sorge dafür, dass Autoschlüssel und Geldbeutel immer an einem festen Ort liegen und auch nach dem Eintreffen zu Hause direkt dort hingelegt werden. Notiere dir deine Geheimzahl an einem sicheren Ort.
Wenn du dir einzelne wichtige Dinge merken musst, kannst du dein Handy auch dazu nutzen. Mach Fotos von diesen Informationen. So weißt du immer, wo du dein Auto geparkt hast, oder was auf einem wichtigen Zettel stand.
Auch ein Tagebuch kann eine schöne Hilfe für dein Gehirn sein. Dort kannst du dann gleich wichtige Erlebnisse festhalten und kannst deinem Kind genau erzählen, wie du dich in der ersten Zeit als Eltern gefühlt hast.
Ernährung und Flüssigkeit nicht vergessen
Damit du das Essen nicht vergisst, kannst du dir kleine gesunde Snacks besorgen. Mandeln und Walnüsse versorgen dich zum Beispiel mit vielen wichtigen Nährstoffen und mit Energie. Mehrere kleine Mahlzeiten können deinen Körper und dein Hirn auf Dauer versorgt halten. Wenn du darüber hinaus noch deinen Flüssigkeitsbedarf im Blick behältst, hast du schon viel für deine Denkgeschwindigkeit getan. Ideal sind etwa zwei Liter Wasser und ungesüßter Tee.
Tipp: Übungen zur Steigerung der Gedächtnisleistung können helfen. Das Lösen von Kreuzworträtseln oder Lesen von Büchern kann seinen Teil zu einer besseren Hirnleistung beitragen.
Bewegung und Schlaf optimieren
Bewegung kann auch dabei helfen, dem Gedächtnisschwund vorzubeugen. Für Wöchnerinnen sind Spaziergänge ideal. Sie sorgen für ein erstes leichtes Training, frische Luft und für eine Abwechslung.
In der Stillzeit kann es eine gute Idee sein, das Baby in einem Beistellbett neben dem Elternbett schlafen zu lassen. Dann kannst du es im Liegen stillen und kommst oft zu mehr Schlaf.
Trotz aller Liebe solltest du auch Pausen und Erholungszeiten ohne Kind einplanen. Wechsle dich mit deinem Partner ab und schlaf oder widme dich einem Hobby. Hol dir Hilfe von Verwandten und Freunden.
🏥 Wann solltest du zum Arzt gehen?
Wenn du unorganisiert bist und leichte Gedächtnisstörungen hast, musst du dir keine Sorgen machen. Spätestens nach dem Abstillen sollten sich diese Schwierigkeiten aber wieder normalisieren.
Achtung: Wenn du weitere Symptome bei dir entdeckst, solltest du deine Hebamme, deinen Arzt oder eine Ärztin um Rat fragen. In einigen Fällen kann sich auch eine Depression im Verlauf von Schwangerschaft oder Stillzeit ausbilden.
Dann zeigen sich weitere Anzeichen für psychische Schwierigkeiten, wie zum Beispiel:
- Extreme Traurigkeit
- Niedergeschlagenheit
- Antriebslosigkeit
✨ Fazit – Schwangerschafts- und Stilldemenz sind eine Anpassungsleistung
Die meisten Forscher gehen davon aus, dass die Veränderungen in Schwangerschaft und Stillzeit eine Umstellung auf die Aufgaben als Eltern darstellen. Die Aufmerksamkeit richtet sich verstärkt auf das Kind. Dazu gehört laut der Theorie auch, dass du dich besser in andere, allen voran dein Baby, hineinversetzen kannst. Damit ist die Schwangerschafts- und Stilldemenz ein Nebeneffekt einer Anpassungsleistung und der Verbesserung deiner Fähigkeiten in der Elternschaft und kann auch positiv gesehen werden.
Häufig gestellte Fragen
Wann fängt eine Schwangerschaftsdemenz an?
Viele Schwangere erleben sich schon in den letzten Schwangerschaftsmonaten als vergesslicher und zerstreuter. Wissenschaftlich nachweisen lässt sich der Effekt aber vor allem im frühen Wochenbett.
Wie äußert sich eine Schwangerschaftsdemenz?
Bei einer Schwangerschaft kommt es vor allem zu Vergesslichkeit, Verwirrtheit und Wortfindungsstörungen. Typisch ist auch, dass du Termine vergisst, den Schlüssel verlegst oder die Einnahme von Medikamenten nicht mehr im Kopf hast.
Wie lange hält eine Schwangerschafts- oder Stilldemenz an?
Die messbaren Veränderungen des Gehirns halten laut Studien längstens zwei Jahre nach der Geburt an. Die spürbaren Gedächtnisstörungen legen sich aber meist schon nach ein paar Monaten.
Was kann man gegen eine Schwangerschafts- oder Stilldemenz tun?
Um eine Schwangerschafts- oder Stilldemenz abzumildern, solltest du vor allem Stress vermeiden und ausreichend schlafen. Regelmäßige und gesunde Ernährung und genügend Flüssigkeit helfen zusätzlich. Auch praktische Hilfen wie Kalender, Erinnerungen im Handy und feste Plätze für wichtige Gegenstände können den Alltag erleichtern.
Ist die Schwangerschaftsdemenz gefährlich für mich oder mein Baby?
Nein, die Schwangerschafts- oder Stilldemenz ist keine echte Demenz und nicht gefährlich. Es handelt sich um eine normale Anpassungsleistung deines Körpers, die sich nach einigen Monaten wieder normalisiert. Deine Gehirnzellen gehen nicht verloren.
Sind alle Schwangeren von Vergesslichkeit betroffen?
Etwa 80 Prozent der Schwangeren und Stillenden erleben eine gewisse Vergesslichkeit. Das Phänomen ist also sehr weit verbreitet und völlig normal. Nicht jede Frau ist gleich stark betroffen.
Gründerin von moms.de, zweifache Mutter (Kinder geboren 2014 und 2016). Sie schreibt seit 2017 Ratgeber rund um Schwangerschaft, Geburt und Familienleben.
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