Scheidenriss bei der Geburt: Grade, Heilung & Pflege
Auf einen Blick
- Scheidenrisse treten bei etwa 50–70 % aller vaginalen Geburten auf und heilen in den meisten Fällen innerhalb von 2–6 Wochen gut ab.
- Die Schweregrade reichen von Grad I (oberflächlich) bis Grad IV (mit Beteiligung des Schließmuskels) – Grad I und II sind am häufigsten.
- Richtige Pflege, Beckenboden-Schonung und ärztliche Nachsorge beschleunigen die Heilung deutlich.
- Vorbeugende Maßnahmen wie Dammmassage und eine aufrechte Geburtsposition können das Risiko senken, aber nicht vollständig verhindern.
Ein Scheidenriss bei der Geburt gehört zu den häufigsten Geburtsverletzungen – und trotzdem spricht kaum jemand offen darüber. Viele Frauen sind verunsichert, wenn sie nach der Entbindung Schmerzen oder Nähte im Intimbereich haben. Doch keine Sorge: Die allermeisten Risse heilen mit der richtigen Pflege vollständig aus, und du kannst aktiv dazu beitragen, dass dein Körper sich gut erholt.
🔍 Was ist ein Scheidenriss bei der Geburt?
Ein Scheidenriss – medizinisch auch Vaginalriss oder Scheidenruptur genannt – entsteht, wenn das Gewebe der Scheide während der Geburt durch die Dehnung beim Durchtritt des Babykopfes einreißt. Das passiert, weil die Vagina sich zwar enorm dehnen kann, aber manchmal die Kraft und Geschwindigkeit der Geburt größer sind als die Elastizität des Gewebes.
Scheidenrisse können an verschiedenen Stellen auftreten: an den Scheidenwänden selbst, am Scheideneingang oder in Kombination mit einem Dammriss. Wichtig zu wissen: Ein Scheidenriss ist nicht dasselbe wie ein Dammriss, auch wenn beide oft gemeinsam vorkommen. Der Damm ist das Gewebe zwischen Scheide und After, während die Scheide der Geburtskanal selbst ist.
Wie häufig kommt ein Scheidenriss vor?
Scheidenrisse sind tatsächlich sehr verbreitet. Studien zeigen, dass zwischen 50 und 70 Prozent aller Frauen, die vaginal entbinden, irgendeine Form von Geburtsverletzung erleiden – sei es ein Scheidenriss, ein Dammriss oder beides. Bei Erstgebärenden ist die Wahrscheinlichkeit höher als bei Frauen, die bereits vaginal entbunden haben, da das Gewebe beim ersten Mal noch nicht gedehnt wurde.
Die gute Nachricht: Die meisten dieser Verletzungen sind leicht bis mittelschwer und heilen mit angemessener Versorgung komplikationslos ab.
💗 Nadines Empfehlung
Nadine Scheiner
Nach meiner ersten Geburt hatte ich einen Scheidenriss Grad II – und war zunächst ziemlich erschrocken. Was mir am meisten geholfen hat: offene Gespräche mit meiner Hebamme, konsequente Kühlung in den ersten Tagen und vor allem Geduld mit meinem Körper. Gib dir Zeit zu heilen, verzichte auf falsche Scham und nimm jede Hilfe an, die du bekommen kannst. Dein Körper hat Unglaubliches geleistet!
📋 Die verschiedenen Grade eines Scheidenrisses
Scheidenrisse werden – ähnlich wie Dammrisse – in verschiedene Schweregrade eingeteilt. Diese Klassifikation hilft Ärzten und Hebammen, die richtige Behandlung zu wählen und die Heilungsprognose einzuschätzen.
| Grad | Beschreibung | Betroffenes Gewebe | Behandlung |
|---|---|---|---|
| Grad I | Oberflächlicher Riss | Nur Schleimhaut und Haut der Scheide | Oft keine Naht nötig, heilt von selbst |
| Grad II | Mitteltiefer Riss | Schleimhaut, Haut und darunter liegende Muskulatur | Naht erforderlich, gute Heilungsprognose |
| Grad III | Tiefer Riss mit Schließmuskelbeteiligung | Gewebe bis zum äußeren Schließmuskel (Sphinkter) | Sorgfältige chirurgische Naht, längere Heilung |
| Grad IV | Kompletter Riss | Alle Schichten inkl. Schließmuskel und Darmschleimhaut | OP-Naht, spezialisierte Nachsorge nötig |
Grad I: Oberflächliche Scheidenrisse
Bei einem Scheidenriss ersten Grades ist nur die oberste Schicht betroffen – die Schleimhaut der Scheide. Diese Risse sind meist klein, bluten wenig und verursachen nur leichte Beschwerden. In vielen Fällen müssen sie gar nicht genäht werden, sondern heilen von selbst innerhalb von ein bis zwei Wochen ab. Deine Hebamme oder dein Arzt wird die Wunde nach der Geburt genau untersuchen und entscheiden, ob eine Naht sinnvoll ist.
Grad II: Mittelschwere Scheidenrisse
Hier reicht der Riss tiefer und betrifft nicht nur die Schleimhaut, sondern auch die darunter liegende Muskelschicht der Scheide. Diese Verletzungen müssen in der Regel genäht werden, damit die Wunde sauber verschlossen wird und optimal heilen kann. Die Heilung dauert etwa 2 bis 4 Wochen, und in dieser Zeit solltest du besonders auf Schonung und Hygiene achten.
Grad III und IV: Schwere Scheidenrisse
Diese schwereren Formen sind deutlich seltener und betreffen zusätzlich den Schließmuskel des Afters. Sie erfordern eine sorgfältige chirurgische Versorgung, oft im OP, und eine engmaschige Nachsorge. Die Heilung kann mehrere Wochen bis Monate dauern, und manchmal ist Physiotherapie für den Beckenboden nötig. Wenn du einen solchen Riss erlitten hast, wird dein Arzt dich ausführlich über die Nachsorge informieren und dir möglicherweise auch psychologische Unterstützung anbieten.
Scheidenriss-Heilung: Die 4 wichtigsten Faktoren
moms.de🎯 Ursachen: Warum kommt es zu einem Scheidenriss?
Ein Scheidenriss entsteht nicht ohne Grund – meist spielen mehrere Faktoren zusammen. Zu verstehen, warum es dazu kommt, kann dir helfen, bei einer weiteren Geburt vorzubeugen oder einfach die Situation besser einzuordnen.
Anatomische und körperliche Faktoren
Die Elastizität deines Gewebes spielt eine große Rolle. Manche Frauen haben von Natur aus strafferes, weniger dehnbares Bindegewebe – das ist genetisch bedingt und lässt sich nur begrenzt beeinflussen. Auch das Alter kann eine Rolle spielen: Bei Erstgebärenden über 35 Jahren ist das Gewebe manchmal weniger elastisch als bei jüngeren Frauen.
Die Anatomie deines Beckens und die Größe des Scheideneingangs sind ebenfalls wichtig. Ein enger Geburtskanal bedeutet mehr Dehnung und damit ein höheres Risiko für Risse.
Geburtsverlauf und Geburtsmechanik
Eine sehr schnelle Geburt – besonders eine sogenannte Sturzgeburt – lässt dem Gewebe keine Zeit, sich langsam zu dehnen. Das Gegenteil, eine sehr lange Austreibungsphase, kann das Gewebe aber auch übermäßig strapazieren und aufweichen.
Die Position des Babys ist entscheidend: Wenn das Köpfchen nicht optimal im Becken liegt oder das Baby mit dem Gesicht nach oben (Sternengucker-Position) kommt, erhöht sich die Belastung für das Gewebe. Auch ein großes Baby (über 4000 Gramm) oder ein Baby mit besonders großem Kopfumfang dehnt die Scheide stärker.
Medizinische Interventionen
Der Einsatz von Geburtshilfe-Instrumenten wie Saugglocke (Vakuumextraktion) oder Geburtszange erhöht das Risiko für Scheidenrisse deutlich. Diese Instrumente sind manchmal medizinisch notwendig, aber sie üben zusätzlichen Druck und Zug auf das Gewebe aus.
Auch starkes Pressen auf Anweisung oder in ungünstigen Positionen kann problematisch sein. Wenn du gegen den natürlichen Drang presst oder in Rückenlage gebierst, während dein Körper eine andere Position bevorzugen würde, steigt die Belastung.
Vorherige Geburtsverletzungen
Narbengewebe von früheren Geburten ist weniger elastisch als gesundes Gewebe. Wenn du bei einer vorherigen Geburt bereits einen Riss hattest, kann genau diese Stelle bei der nächsten Geburt wieder einreißen – muss aber nicht.
Gut zu wissen: Auch wenn viele Risikofaktoren bekannt sind, lässt sich ein Scheidenriss nicht immer vorhersagen oder verhindern. Manchmal reißt das Gewebe trotz aller Vorsichtsmaßnahmen, und das ist kein Versagen – weder von dir noch von deinem Geburtsteam.
🩺 Diagnose und Versorgung direkt nach der Geburt
Unmittelbar nach der Geburt deines Babys wird deine Hebamme oder dein Arzt den Geburtskanal sorgfältig untersuchen. Das geschieht noch im Kreißsaal, meist während du dein Baby schon im Arm hältst oder es auf deiner Brust liegt. Diese Untersuchung ist wichtig, um alle Verletzungen zu erkennen und richtig zu versorgen.
Wie wird ein Scheidenriss erkannt?
Die Untersuchung erfolgt mit guter Beleuchtung und meist unter örtlicher Betäubung, falls noch keine PDA liegt. Der Arzt oder die Hebamme tastet vorsichtig die Scheidenwände ab und schaut sich den gesamten Geburtskanal an. Dabei wird auch geprüft, ob zusätzlich ein Dammriss vorliegt und wie tief die Verletzungen gehen.
Du wirst möglicherweise ein leichtes Ziehen oder Druckgefühl spüren, aber die Untersuchung sollte nicht schmerzhaft sein. Falls doch, sag sofort Bescheid – dann kann nachbetäubt werden.
Die Versorgung: Wann wird genäht?
Ob eine Naht nötig ist, hängt von der Tiefe und Länge des Risses ab. Oberflächliche, kleine Risse (Grad I) können oft ohne Naht heilen. Bei tieferen Rissen (ab Grad II) ist eine Naht wichtig, damit:
- die Wundränder sauber aneinander liegen und optimal heilen können
- die Blutung gestoppt wird
- die anatomische Struktur der Scheide wiederhergestellt wird
- Komplikationen wie Infektionen vermieden werden
Für die Naht wird in der Regel selbstauflösendes Nahtmaterial verwendet – du musst also nicht zum Fäden ziehen. Die Fäden lösen sich nach etwa 2 bis 4 Wochen von selbst auf. Die Naht erfolgt schichtweise: Erst die tiefen Muskelschichten, dann die Schleimhaut. Das dauert je nach Ausmaß der Verletzung zwischen 10 und 30 Minuten.
Wichtig: Wenn du nach der Versorgung starke, zunehmende Schmerzen hast, die Wunde stark blutet oder du Fieber bekommst, informiere sofort deine Hebamme oder deinen Arzt. Das können Anzeichen für Komplikationen sein, die schnell behandelt werden müssen.
🌸 Heilung: Was passiert in den ersten Wochen?
Die Heilung eines Scheidenrisses verläuft in mehreren Phasen. Dein Körper leistet dabei Erstaunliches – aber er braucht Zeit und die richtige Unterstützung von dir.
Die ersten 24 bis 48 Stunden
In den ersten beiden Tagen nach der Geburt ist die Wunde noch frisch, und du wirst vermutlich Schmerzen spüren. Das ist völlig normal. Die Stelle kann geschwollen sein, sich warm anfühlen und bei Berührung oder beim Sitzen schmerzen. Viele Frauen beschreiben ein brennendes oder ziehendes Gefühl, besonders beim Wasserlassen.
Jetzt ist Kühlung dein bester Freund: Kühlpads (speziell für den Intimbereich oder in ein sauberes Tuch gewickelt) lindern Schwellung und Schmerzen deutlich. Kühle etwa 10 bis 15 Minuten am Stück, dann mache eine Pause. Zu langes Kühlen kann die Durchblutung und damit die Heilung beeinträchtigen.
Woche 1 bis 2: Die Entzündungsphase
In dieser Phase arbeitet dein Immunsystem auf Hochtouren. Die Wunde kann leicht gerötet sein, und es kann ein wenig Wundflüssigkeit austreten – das ist Teil des normalen Heilungsprozesses. Die Nähte können spannen oder jucken, was oft ein Zeichen ist, dass die Heilung voranschreitet.
Jetzt ist besonders wichtig:
- Viel liegen und den Beckenboden entlasten
- Sanfte Hygiene nach jedem Toilettengang
- Lockere, atmungsaktive Unterwäsche (oder zeitweise gar keine)
- Keine schweren Lasten heben (auch nicht dein älteres Kind!)
Woche 3 bis 6: Die Aufbauphase
Nun bildet sich neues Gewebe, und die Wunde verschließt sich zunehmend. Die Schmerzen lassen deutlich nach, und du kannst allmählich wieder mehr machen. Die Nähte lösen sich auf – manche Frauen bemerken kleine Fadenreste beim Abwischen, das ist normal.
Trotzdem gilt: Dein Beckenboden braucht noch Schonung. Vermeide schweres Heben, intensiven Sport und auch Geschlechtsverkehr sollte noch warten. Die meisten Ärzte empfehlen, mindestens 6 Wochen zu warten, bis die Wunde vollständig verheilt ist.
Ab Woche 6: Die Reifungsphase
Bei der Nachuntersuchung etwa 6 Wochen nach der Geburt wird dein Arzt prüfen, ob alles gut verheilt ist. Das neue Gewebe ist nun stabil, aber noch nicht vollständig ausgereift. Narbengewebe kann noch einige Monate weicher und elastischer werden.
Jetzt kannst du langsam mit Beckenbodentraining beginnen – am besten unter Anleitung einer spezialisierten Physiotherapeutin. Das stärkt nicht nur deinen Beckenboden, sondern fördert auch die Durchblutung und damit die weitere Heilung.
Was mir niemand vorher gesagt hat: Die Heilung verläuft nicht linear. Es gibt gute und schlechtere Tage. An manchen Tagen dachte ich, alles sei prima, und am nächsten Tag hatte ich wieder Schmerzen. Das ist normal und kein Grund zur Sorge – solange sich die Beschwerden insgesamt bessern.
💊 Pflege und Behandlung: So unterstützt du die Heilung
Die richtige Pflege kann den Unterschied machen zwischen einer komplikationslosen Heilung und langwierigen Beschwerden. Hier sind die wichtigsten Maßnahmen, die du selbst umsetzen kannst.
Intimhygiene: Sanft, aber gründlich
Nach jedem Toilettengang solltest du dich vorsichtig reinigen – aber bitte ohne aggressive Seifen oder Desinfektionsmittel. Am besten eignet sich:
- Lauwarmes Wasser (du kannst eine Popo-Dusche oder eine saubere Flasche verwenden)
- Vorsichtiges Abtupfen mit weichem Toilettenpapier oder speziellen Wundkompressen
- Immer von vorne nach hinten wischen, um keine Darmbakterien in die Wunde zu bringen
- Die Stelle danach gut trocknen lassen oder vorsichtig trocken tupfen
Manche Hebammen empfehlen Sitzbäder mit Kamille oder Calendula – frage aber vorher nach, ob das in deinem Fall sinnvoll ist. Bei manchen Frauen weicht zu viel Feuchtigkeit das Gewebe auf und verzögert die Heilung.
Schmerzlinderung
Schmerzen sind in den ersten Tagen normal, müssen aber nicht stoisch ertragen werden. Folgende Maßnahmen helfen:
- Kühlung: Kühlpads, gekühlte Binden oder spezielle Kühl-Slips für Wöchnerinnen
- Schmerzmittel: Ibuprofen ist auch in der Stillzeit erlaubt und wirkt zusätzlich entzündungshemmend – sprich mit deinem Arzt über die richtige Dosierung
- Lagerung: Vermeide langes Sitzen; liege lieber auf der Seite oder nutze ein Stillkissen als Ring zum Sitzen
- Weiche Unterlage: Ein weiches Kissen auf dem Stuhl kann den Druck auf die Wunde mindern
Ernährung und Verdauung
Jetzt ist nicht die Zeit für Verstopfung! Starkes Pressen beim Stuhlgang belastet die Nähte und kann die Heilung verzögern oder sogar die Naht reißen lassen. Achte daher auf:
- Viel trinken (mindestens 2 bis 3 Liter täglich)
- Ballaststoffreiche Ernährung (Vollkorn, Gemüse, Obst, Leinsamen)
- Bei Bedarf sanfte Abführmittel (z.B. Flohsamen, Lactulose) – frage deine Hebamme
- Bewegung im Rahmen deiner Möglichkeiten (kurze Spaziergänge fördern die Verdauung)
Wundpflege-Produkte
Es gibt verschiedene Produkte, die die Heilung unterstützen können:
- Calendula-Salbe: Fördert die Wundheilung und wirkt entzündungshemmend
- Bepanthensalbe: Hält die Haut geschmeidig und unterstützt die Regeneration
- Arnika-Globuli: Viele Hebammen empfehlen sie zur Unterstützung der Heilung
- Atmungsaktive Binden: Wechsle sie regelmäßig, um ein feuchtes Milieu zu vermeiden
Hebammen-Tipp: Lasse so oft wie möglich Luft an die Wunde. Lege dich mit nacktem Unterkörper auf ein sauberes Handtuch – das fördert die Heilung und fühlt sich auch angenehm an. Natürlich nur, wenn du dich dabei wohlfühlst und es warm genug ist.
Was du vermeiden solltest
Ebenso wichtig wie die richtige Pflege ist, zu wissen, was du besser lassen solltest:
- Keine Tampons in den ersten 6 Wochen (nur Binden verwenden)
- Kein Geschlechtsverkehr bis zur vollständigen Abheilung
- Kein schweres Heben (nichts über 5 kg, also auch nicht dein Kleinkind hochheben)
- Keine intensiven Sportarten oder Bauchmuskeltraining
- Kein langes Stehen oder Sitzen – wechsle die Position regelmäßig
- Keine parfümierten Pflegeprodukte im Intimbereich
⚠️ Komplikationen: Wann solltest du zum Arzt?
Die meisten Scheidenrisse heilen problemlos ab. Manchmal gibt es aber Komplikationen, die ärztliche Behandlung erfordern. Sei aufmerksam und zögere nicht, dich zu melden, wenn dir etwas nicht richtig vorkommt.
| Symptom | Mögliche Ursache | Handlung |
|---|---|---|
| Starke, zunehmende Schmerzen | Infektion, Nahtprobleme | Innerhalb von 24h zum Arzt |
| Fieber über 38°C | Infektion, Entzündung | Sofort ärztliche Abklärung |
| Übelriechender Ausfluss | Bakterielle Infektion | Innerhalb von 24h zum Arzt |
| Starke Blutung (mehr als Regelblutung) | Nachblutung, offene Wunde | Sofort in die Klinik |
| Naht geht auf | Überlastung, Infektion | Sofort ärztliche Kontrolle |
| Schwellung nimmt zu statt ab | Entzündung, Hämatom | Innerhalb von 24-48h zum Arzt |
| Probleme beim Wasserlassen | Schwellung, Harnwegsinfektion | Innerhalb von 24h abklären |
Infektion der Wunde
Eine Infektion erkennst du an zunehmenden Schmerzen, Rötung, Schwellung, Überwärmung und möglicherweise eitrigem oder übelriechendem Ausfluss. Auch Fieber kann auftreten. Infektionen müssen mit Antibiotika behandelt werden – zögere nicht, deinen Arzt zu kontaktieren.
Nahtdehiszenz (Naht geht auf)
Manchmal reißt die Naht wieder auf, besonders wenn du zu früh zu viel machst oder die Naht unter Spannung steht. Du bemerkst das meist durch plötzlich stärkere Schmerzen, eventuell etwas Blutung und ein Gefühl, dass "etwas nicht stimmt". In diesem Fall solltest du zeitnah untersucht werden – manchmal muss nachgenäht werden.
Hämatome und Blutergüsse
Größere Blutergüsse im Gewebe können schmerzhaft sein und die Heilung verzögern. Kleine Hämatome bilden sich meist von selbst zurück, größere müssen manchmal punktiert oder chirurgisch entfernt werden.
Langfristige Probleme
Auch wenn die akute Heilung abgeschlossen ist, können manchmal Spätfolgen auftreten:
- Narbenschmerzen: Verhärtetes Narbengewebe kann beim Geschlechtsverkehr oder bei Belastung schmerzen
- Beckenbodenschwäche: Besonders nach schweren Rissen kann der Beckenboden geschwächt sein
- Inkontinenz: Bei Beteiligung des Schließmuskels kann es zu Problemen mit der Stuhlkontrolle kommen
- Schmerzen beim Sex: Narbengewebe ist weniger elastisch und kann beim Geschlechtsverkehr Beschwerden verursachen
Für all diese Probleme gibt es Behandlungsmöglichkeiten – von Physiotherapie über Narbenmassage bis hin zu operativen Korrekturen. Sprich offen mit deinem Arzt darüber.
🛡️ Vorbeugung: Kann man einen Scheidenriss verhindern?
Ganz ehrlich: Einen Scheidenriss kannst du nicht mit Sicherheit verhindern. Aber es gibt durchaus Maßnahmen, die das Risiko senken können. Manche davon kannst du schon in der Schwangerschaft umsetzen, andere betreffen die Geburt selbst.
Dammmassage in der Schwangerschaft
Ab etwa der 34. Schwangerschaftswoche kannst du mit regelmäßiger Dammmassage beginnen. Dabei massierst du den Damm und den unteren Teil der Scheide mit einem speziellen Öl (z.B. Dammmassageöl, Weizenkeimöl oder Mandelöl). Das macht das Gewebe geschmeidiger und dehnbarer.
So geht's:
- Wasche dir gründlich die Hände
- Nimm eine bequeme Position ein (z.B. ein Bein hochgestellt)
- Gib etwas Öl auf deine Daumen
- Führe die Daumen etwa 3-4 cm in die Scheide ein
- Massiere mit sanftem Druck in U-Form Richtung After
- Dehne das Gewebe vorsichtig, bis du ein leichtes Ziehen spürst
- Wiederhole das 5-10 Minuten lang, idealerweise täglich
Studien zeigen, dass regelmäßige Dammmassage das Risiko für Dammrisse senken kann – ob sie auch Scheidenrisse verhindert, ist weniger gut untersucht, aber schaden kann es nicht.
Die richtige Geburtsposition
Die Position, in der du gebierst, hat großen Einfluss auf die Belastung deines Gewebes. Aufrechte oder seitliche Positionen (Vierfüßlerstand, Hocke, Seitenlage) entlasten den Damm und die Scheide oft besser als die klassische Rückenlage. Höre auf deinen Körper und nimm die Position ein, die sich für dich richtig anfühlt.
Kontrolliertes Gebären des Köpfchens
Wenn das Köpfchen langsam und kontrolliert geboren wird, hat das Gewebe Zeit, sich zu dehnen. Deine Hebamme wird dich anleiten, wann du pressen solltest und wann du besser nur atmest oder sogar hechelt. Auch wenn es schwerfällt: Versuche, ihren Anweisungen zu folgen. Ein zu schnelles, unkontrolliertes Gebären erhöht das Risiko für Risse deutlich.
Warme Kompressen während der Geburt
Viele Hebammen legen während der Austreibungsphase warme, feuchte Kompressen auf den Damm. Das fördert die Durchblutung und macht das Gewebe geschmeidiger. Wenn du das möchtest, sprich es im Geburtsplan oder im Vorgespräch an.
Verzicht auf Dammschnitt
Ein Dammschnitt (Episiotomie) wird heute nur noch in Ausnahmesituationen durchgeführt. Früher dachte man, ein kontrollierter Schnitt sei besser als ein unkontrollierter Riss – heute weiß man: Das stimmt nicht. Natürliche Risse heilen oft besser als Schnitte. Ein Dammschnitt sollte nur bei medizinischer Notwendigkeit erfolgen (z.B. drohende Sauerstoffunterversorgung des Babys).
Gute Geburtsvorbereitung
Je besser du auf die Geburt vorbereitet bist, desto entspannter kannst du sie angehen. Angst und Anspannung führen zu verkrampfter Muskulatur – auch im Beckenboden. Ein Geburtsvorbereitungskurs hilft dir, Atemtechniken zu lernen, Vertrauen in deinen Körper zu entwickeln und zu wissen, was auf dich zukommt.
Wichtig zu wissen: Selbst wenn du alles "richtig" machst, kann es trotzdem zu einem Scheidenriss kommen. Das liegt dann nicht an dir, sondern an Faktoren, die du nicht beeinflussen kannst. Mach dir keine Vorwürfe – dein Körper und dein Baby haben ihr Bestes gegeben.
🔄 Folgeschwangerschaften: Was ist beim nächsten Mal anders?
Viele Frauen, die bei der ersten Geburt einen Scheidenriss erlitten haben, fragen sich: Wird das beim nächsten Mal wieder passieren? Die gute Nachricht: Nicht unbedingt.
Narbengewebe und Elastizität
Narbengewebe ist zwar weniger elastisch als gesundes Gewebe, aber bei einer zweiten oder dritten Geburt ist das Gewebe insgesamt schon einmal gedehnt worden. Viele Frauen berichten, dass die zweite Geburt schneller und mit weniger Verletzungen verlief als die erste – auch wenn sie beim ersten Mal einen Riss hatten.
Risikofaktoren beachten
Wenn dein erstes Baby besonders groß war und das zweite voraussichtlich kleiner ist, sinkt das Risiko. Auch wenn die erste Geburt sehr schnell ging und die zweite kontrollierter verläuft, kann das helfen. Sprich mit deiner Hebamme oder deinem Arzt über deine individuelle Situation.
Kaiserschnitt als Alternative?
Manche Frauen überlegen nach einem schweren Scheidenriss, beim nächsten Kind einen Kaiserschnitt zu wählen. Das ist eine sehr persönliche Entscheidung. Ein Kaiserschnitt hat eigene Risiken und sollte gut überlegt sein. Bei einem Riss Grad I oder II ist er in der Regel nicht nötig. Bei Grad III oder IV mit bleibenden Problemen kann ein geplanter Kaiserschnitt aber durchaus eine Option sein – lass dich ausführlich beraten.
🧘♀️ Beckenboden-Rehabilitation nach einem Scheidenriss
Dein Beckenboden hat während Schwangerschaft und Geburt Enormes geleistet – und besonders nach einem Scheidenriss braucht er gezielte Unterstützung, um wieder zu voller Kraft zu kommen.
Wann mit Beckenbodentraining beginnen?
In den ersten 6 Wochen nach der Geburt steht Schonung im Vordergrund. Leichte Wahrnehmungsübungen (z.B. den Beckenboden beim Ausatmen sanft anspannen) sind erlaubt, aber kein intensives Training. Nach der Nachuntersuchung und wenn dein Arzt grünes Licht gibt, kannst du mit einem strukturierten Rückbildungskurs beginnen.
Rückbildungsgymnastik
Ein guter Rückbildungskurs (bei der Hebamme oder Physiotherapeutin) ist Gold wert. Hier lernst du:
- Wie du deinen Beckenboden wahrnimmst und gezielt ansteuerst
- Übungen zur Kräftigung der Beckenbodenmuskulatur
- Rückenfreundliche Bewegungsabläufe im Alltag mit Baby
- Wie du Bauch- und Beckenbodenmuskulatur koordinierst
Spezielle Physiotherapie bei Problemen
Wenn du auch Wochen nach der Geburt noch Schmerzen, Inkontinenz oder andere Beschwerden hast, kann eine spezialisierte Beckenbodenphysiotherapie helfen. Die Therapeutin kann:
- Narbengewebe mobilisieren und geschmeidiger machen
- Verklebungen lösen
- Gezielt geschwächte Muskelpartien trainieren
- Dir Übungen für zuhause zeigen
Diese Behandlung wird in der Regel von der Krankenkasse übernommen – du brauchst nur eine Verordnung vom Arzt.
💑 Sexualität nach einem Scheidenriss
Ein Thema, über das viele Frauen sich nicht trauen zu sprechen – aber es ist so wichtig: Wie ist das mit Sex nach einem Scheidenriss?
Wann ist Sex wieder möglich?
Die medizinische Empfehlung lautet: Mindestens 6 Wochen warten, bis die Wunde vollständig verheilt ist. Aber ehrlich gesagt brauchen viele Frauen deutlich länger, bis sie sich bereit fühlen – und das ist völlig in Ordnung. Dein Körper hat Großes geleistet, du bist erschöpft, hormonell im Umbruch, und vielleicht hast du auch Angst vor Schmerzen.
Das erste Mal nach der Geburt
Nimm dir Zeit, gehe es langsam an und kommuniziere offen mit deinem Partner. Hier ein paar Tipps:
- Nutze reichlich Gleitgel – durch die Stillhormone ist die Scheide oft trockener
- Beginne mit viel Vorspiel und Zärtlichkeit
- Wähle eine Position, in der du die Kontrolle hast (z.B. du oben)
- Stopp sofort, wenn es schmerzt – Schmerz ist ein Signal deines Körpers
- Es ist okay, wenn es beim ersten Mal nicht "klappt" – versucht es ein andermal wieder
Wenn Sex schmerzhaft bleibt
Manche Frauen haben auch Monate nach der Geburt noch Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Das kann an Narbengewebe, an Beckenbodenverspannungen oder an psychischen Faktoren liegen. Sprich offen mit deinem Gynäkologen darüber – es gibt Hilfe, von Physiotherapie über Narbenmassage bis hin zu psychologischer Unterstützung.
❓ Häufige Fragen
Wie lange dauert es, bis ein Scheidenriss vollständig verheilt ist?
Ein oberflächlicher Scheidenriss (Grad I) heilt meist innerhalb von 1 bis 2 Wochen. Bei einem Riss Grad II dauert es etwa 3 bis 6 Wochen, bis die Wunde verschlossen und belastbar ist. Schwerere Risse (Grad III und IV) können 2 bis 3 Monate oder länger brauchen, bis sie vollständig ausgeheilt sind. Das Narbengewebe reift dann noch weitere Monate nach. Wichtig ist: Jede Frau heilt unterschiedlich schnell – vergleiche dich nicht mit anderen.
Kann ich mit einem Scheidenriss stillen?
Ja, absolut! Ein Scheidenriss hat keinen Einfluss aufs Stillen. Allerdings kann das Sitzen beim Stillen in den ersten Tagen unangenehm sein. Probiere verschiedene Stillpositionen aus: Im Liegen stillen (Seitenlage) oder im Vierfüßlerstand über dem Baby entlastet den Intimbereich. Ein Stillkissen als Ring unter dem Po kann beim Sitzen helfen. Auch die Schmerzmittel, die nach der Geburt verschrieben werden (meist Ibuprofen), sind stillverträglich.
Wann kann ich nach einem Scheidenriss wieder Sport machen?
Leichte Spaziergänge sind schon in den ersten Tagen erlaubt und sogar förderlich. Mit richtigem Sport solltest du aber warten, bis die Wunde verheilt ist und du einen Rückbildungskurs absolviert hast – in der Regel also mindestens 8 bis 12 Wochen. Besonders Sportarten mit hoher Belastung für den Beckenboden (Joggen, Springen, schweres Krafttraining) solltest du erst nach ärztlicher Freigabe wieder aufnehmen. Sanfte Sportarten wie Yoga, Schwimmen oder Radfahren sind oft früher möglich – frage deine Hebamme oder deinen Arzt.
Muss ich bei einem Scheidenriss Grad I zum Arzt?
Auch ein kleiner, oberflächlicher Riss sollte direkt nach der Geburt von einem Arzt oder einer Hebamme begutachtet werden, um sicherzugehen, dass keine tieferen Verletzungen übersehen werden. Wenn die Erstversorgung erfolgt ist und dir gesagt wurde, dass keine Naht nötig ist, brauchst du nicht zwingend weitere ärztliche Kontrollen – außer es treten Probleme auf. Bei Schmerzen, Fieber, starker Blutung oder anderen Auffälligkeiten solltest du aber immer zeitnah zum Arzt gehen. Die reguläre Nachuntersuchung nach 6 Wochen ist in jedem Fall wichtig.
Kann ein Scheidenriss zu Inkontinenz führen?
Ein Scheidenriss allein führt normalerweise nicht zu Inkontinenz. Allerdings können schwere Risse (besonders Grad III und IV), die den Schließmuskel betreffen, zu Stuhlinkontinenz führen. Auch eine allgemeine Beckenbodenschwäche nach der Geburt kann Harninkontinenz verursachen – das ist aber eher eine Folge der Schwangerschaft und Geburt insgesamt als des Risses speziell. Mit gezieltem Beckenbodentraining lässt sich Inkontinenz in den meisten Fällen deutlich verbessern oder ganz beheben. Wenn du Probleme hast, sprich unbedingt mit deinem Arzt – es gibt gute Behandlungsmöglichkeiten.
Ist ein Scheidenriss schlimmer als ein Dammriss?
Das lässt sich nicht pauschal sagen – beide Verletzungen können unterschiedlich schwer sein. Ein Scheidenriss betrifft das innere Gewebe der Scheide, ein Dammriss das Gewebe zwischen Scheide und After. Oft treten beide gemeinsam auf. Welche Verletzung "schlimmer" ist, hängt vom Schweregrad ab. Ein tiefer Dammriss Grad III oder IV ist in der Regel schwerwiegender als ein oberflächlicher Scheidenriss Grad I. Wichtig ist nicht der Vergleich, sondern die richtige Versorgung und Pflege – egal welche Verletzung vorliegt.
Gründerin von moms.de, zweifache Mutter (Kinder geboren 2014 und 2016). Sie schreibt seit 2017 Ratgeber rund um Schwangerschaft, Geburt und Familienleben.
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