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Baby schreit abends: Regelschreien verstehen & begleiten

Nadine Scheiner Von Nadine Scheiner 05.07.2026 Lesezeit 24 Min.
Baby schreit abends: Regelschreien verstehen & begleiten

Auf einen Blick

  • Abendliches Schreien tritt bei etwa 20 % aller Babys auf und ist meist zwischen der 2. und 12. Lebenswoche am stärksten ausgeprägt
  • Das sogenannte Regelschreien beginnt typischerweise zwischen 18 und 22 Uhr und kann 1-3 Stunden dauern
  • In den meisten Fällen handelt es sich um eine normale Entwicklungsphase, nicht um ein medizinisches Problem
  • Beruhigungstechniken wie Tragen, Pucken und rhythmische Bewegungen können helfen – wichtig ist vor allem deine ruhige Präsenz

Du kennst es vielleicht: Tagsüber ist dein Baby zufrieden, trinkt gut und schläft friedlich – doch sobald der Abend naht, beginnt ein scheinbar endloses Schreien, das dich ratlos und erschöpft zurücklässt. Du bist damit nicht allein, und vor allem: Du machst nichts falsch. Lass uns gemeinsam verstehen, was hinter dem abendlichen Schreien steckt und wie du dein Baby liebevoll durch diese Phase begleiten kannst.

🔍 Was ist Regelschreien und warum schreit mein Baby abends?

Wenn dein Baby abends schreit, steckt oft das sogenannte Regelschreien dahinter – eine Bezeichnung, die zunächst verwirrend klingt, aber einen wichtigen Entwicklungsabschnitt beschreibt. Anders als bei Hunger, nasser Windel oder Schmerzen lässt sich beim Regelschreien keine offensichtliche Ursache finden, die du "beheben" könntest.

Das abendliche Schreien folgt meist einem erkennbaren Muster: Es beginnt oft zur gleichen Tageszeit, typischerweise am späten Nachmittag oder frühen Abend, und kann zwischen einer und drei Stunden andauern. Dein Baby wirkt dabei angespannt, ballt vielleicht die Fäustchen, zieht die Beinchen an und lässt sich nur schwer beruhigen – selbst wenn du es hochnimmst, wiegst oder stillst.

Die Dreierregel nach Wessel

In der Medizin wird oft die "Dreierregel" nach dem Kinderarzt Morris Wessel verwendet, um exzessives Schreien zu definieren: Das Baby schreit mehr als drei Stunden pro Tag, an mehr als drei Tagen pro Woche, über mehr als drei Wochen hinweg. Diese Definition hilft Fachleuten bei der Einschätzung, ob es sich um normales Regelschreien oder um eine behandlungsbedürftige Situation handelt.

Wichtig zu wissen: Nicht jedes Baby, das abends schreit, erfüllt diese Kriterien. Viele Babys haben eine "Unruhezeit" am Abend, die zwar anstrengend ist, aber deutlich kürzer ausfällt.

🧠 Warum gerade abends? Die Ursachen verstehen

Die Wissenschaft hat noch nicht alle Rätsel des abendlichen Schreiens gelöst, aber es gibt mehrere plausible Erklärungen, die oft zusammenwirken:

Unreifes Nervensystem

In den ersten Lebensmonaten ist das Nervensystem deines Babys noch nicht vollständig ausgereift. Den ganzen Tag über prasseln unzählige Eindrücke auf dein Kleines ein – Licht, Geräusche, Berührungen, Gerüche. Gegen Abend ist das "Fass" sozusagen voll: Dein Baby kann die Reize nicht mehr verarbeiten und entlädt die Anspannung durch Schreien.

Biorhythmus in der Entwicklung

Der Tag-Nacht-Rhythmus entwickelt sich erst allmählich. Viele Babys haben am Abend einen natürlichen Tiefpunkt in ihrem noch unreifen Biorhythmus. Hormone wie Cortisol, die tagsüber wach halten, sinken ab, während das schlaffördernde Melatonin noch nicht ausreichend produziert wird. Diese Übergangsphase kann sehr unruhig sein.

Verdauungssystem und Blähungen

Auch wenn nicht alle Babys, die abends schreien, unter Blähungen leiden, spielt das Verdauungssystem oft eine Rolle. Nach einem Tag voller Mahlzeiten arbeitet der Darm auf Hochtouren. Die noch unreife Darmflora und die Anpassung an die Nahrung (ob Muttermilch oder Fläschchen) können zu Unwohlsein führen, das sich abends verstärkt bemerkbar macht.

Müdigkeit und Überstimulation

Paradoxerweise fällt es übermüdeten Babys besonders schwer, in den Schlaf zu finden. Wenn dein Baby tagsüber zu wenig oder nur unruhig geschlafen hat, ist es abends "überdreht". Die Stresshormone verhindern das Einschlafen, und das Baby schreit aus purer Erschöpfung.

Nadine Scheiner

💗 Nadines Empfehlung

Nadine Scheiner

Als meine Tochter abends regelmäßig schrie, half mir vor allem eine Erkenntnis: Ich musste nichts "reparieren", sondern einfach da sein. Mein persönlicher Rettungsanker war eine feste Abendroutine ab 17 Uhr – Licht dimmen, leise Musik, Tragetuch bereitlegen. Auch wenn sie trotzdem schrie, gab mir diese Struktur Halt. Und ganz ehrlich: Manchmal habe ich sie auch einfach sicher in ihr Bettchen gelegt, bin kurz rausgegangen, habe tief durchgeatmet und bin dann zurückgekehrt. Das ist völlig in Ordnung – du darfst auch an deine Grenzen denken.

📊 Entwicklungsphasen: Wann beginnt und endet das abendliche Schreien?

Das abendliche Schreien folgt meist einem typischen Verlauf, der sich bei den meisten Babys ähnlich gestaltet:

📊

Verlauf des abendlichen Schreiens

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🍼
Woche 2-3 Beginn des vermehrten Schreiens, oft noch unregelmäßig und kürzer
😢
Woche 6-8 Höhepunkt – intensivstes und längstes Schreien, oft täglich zur gleichen Zeit
📉
Woche 12-16 Deutliche Besserung bei den meisten Babys, Schreiperioden werden kürzer
😊
Monat 4-5 Bei etwa 90% der Babys ist das Regelschreien vollständig verschwunden

Diese Zeitangaben sind Durchschnittswerte. Manche Babys beginnen früher, andere später. Auch die Intensität variiert stark: Während einige Eltern von "unangenehmen 30 Minuten" berichten, erleben andere mehrere Stunden intensiven Schreiens täglich.

Individuelle Unterschiede

Jedes Baby ist einzigartig. Temperament, Geburtsverlauf, Ernährung und Umgebungsfaktoren beeinflussen, wie stark sich das abendliche Schreien zeigt. Frühgeborene durchlaufen diese Phase oft später, gerechnet vom errechneten Geburtstermin. Auch die Tagesstruktur und wie viel Ruhe dein Baby tagsüber bekommt, spielen eine Rolle.

🩺 Wann ist es mehr als "normales" Regelschreien?

Auch wenn abendliches Schreien meist harmlos ist, gibt es Warnsignale, bei denen du ärztlichen Rat einholen solltest. Vertraue dabei immer auch deinem Bauchgefühl – du kennst dein Baby am besten.

Situation Normales Regelschreien Wann zum Arzt?
Schreiqualität Kräftiges, rhythmisches Schreien mit Pausen Schrilles, schmerzhaftes Schreien oder schwaches Wimmern; "Schreien wie am Spieß"
Gewichtsentwicklung Normale Gewichtszunahme (ca. 150-200g/Woche) Gewichtsstillstand oder -verlust; Trinkverweigerung
Allgemeinzustand Zwischen Schreiperioden zufrieden, wach und interessiert Dauerhaft apathisch, schlaff oder überstreckt; Fieber über 38°C
Verdauung Regelmäßiger Stuhlgang, eventuell Blähungen Blutiger Stuhl, tagelang kein Stuhlgang, gespannter harter Bauch, Erbrechen im Schwall
Beruhigbarkeit Schwer, aber zumindest kurzzeitig beruhigbar Überhaupt nicht beruhigbar über Stunden; lässt sich nicht anfassen
Dauer Besserung nach 12-16 Wochen erkennbar Verschlimmerung nach dem 4. Monat oder plötzliche Veränderung

Wichtig: Wenn dein Baby zusätzlich zum Schreien Fieber hat, sich erbricht, einen aufgeblähten und harten Bauch hat oder du Blut im Stuhl bemerkst, solltest du umgehend ärztliche Hilfe suchen. Auch wenn du das Gefühl hast, dass "etwas nicht stimmt", ist ein Arztbesuch immer richtig – lieber einmal zu viel als zu wenig.

Mögliche medizinische Ursachen

In seltenen Fällen können auch behandelbare Erkrankungen hinter exzessivem Schreien stecken:

  • Kuhmilchproteinallergie: Betrifft etwa 2-3 % der Säuglinge und kann sich durch Schreien, Hautausschlag und blutig-schleimigen Stuhl äußern
  • Reflux (GERD): Wenn Mageninhalt in die Speiseröhre zurückfließt, kann das schmerzhaft sein – besonders im Liegen
  • Infektionen: Harnwegsinfekte oder Mittelohrentzündungen verursachen Schmerzen, die sich durch Schreien äußern
  • Verstopfung: Seltener bei gestillten Babys, aber bei Flaschenkindern möglich
  • Leistenbruch oder Hodenhochstand: Bei Jungen sollten diese Ursachen ausgeschlossen werden

Deine Kinderärztin oder dein Kinderarzt wird dein Baby gründlich untersuchen, nach Ernährung und Stuhlgang fragen und gegebenenfalls weitere Diagnostik veranlassen. In den allermeisten Fällen lautet die Diagnose aber: gesundes Baby mit vorübergehendem Regelschreien.

💝 Was hilft? Bewährte Beruhigungstechniken

Es gibt keine Wunderlösung, die bei jedem Baby funktioniert – aber viele erprobte Methoden, die du ausprobieren kannst. Wichtig ist: Was heute hilft, funktioniert morgen vielleicht nicht mehr. Bleib geduldig und flexibel.

Die 5 S nach Dr. Harvey Karp

Der amerikanische Kinderarzt Harvey Karp hat fünf Techniken entwickelt, die an die Bedingungen im Mutterleib erinnern und vielen Babys helfen:

  1. Swaddling (Pucken): Wickle dein Baby fest, aber nicht zu eng in eine Decke. Das gibt Begrenzung und Sicherheit. Achte darauf, dass die Hüften sich noch bewegen können.
  2. Side/Stomach Position (Seitenlage): Halte dein Baby auf der Seite oder mit dem Bauch auf deinem Unterarm (Fliegergriff) – nie zum Schlafen ablegen in dieser Position!
  3. Shushing (Weißes Rauschen): Ein lautes "Schhhh" direkt am Ohr oder weißes Rauschen (Föhn, spezielle Apps) imitiert die Geräusche im Mutterleib.
  4. Swinging (Schaukeln): Sanfte, rhythmische Bewegungen – im Tragetuch, auf dem Pezziball, in der Federwiege oder beim Spaziergang.
  5. Sucking (Saugen): Schnuller, Brust oder der eigene Finger beruhigen durch den Saugreflex.

Tragen und Körperkontakt

Viele Babys beruhigen sich, wenn sie getragen werden. Der enge Körperkontakt, dein Herzschlag, deine Wärme und die Bewegung wirken oft Wunder. Ein Tragetuch oder eine Tragehilfe kann dir dabei helfen, die Hände frei zu haben und gleichzeitig dein Baby zu beruhigen.

Der Fliegergriff ist besonders bei Bauchschmerzen beliebt: Lege dein Baby mit dem Bauch auf deinen Unterarm, der Kopf liegt in deiner Armbeuge, die Beinchen hängen rechts und links herunter. Mit der anderen Hand kannst du sanft den Rücken streicheln.

Rhythmus und Routine

Auch wenn es paradox klingt: Eine ruhige Abendroutine kann helfen, obwohl dein Baby trotzdem schreien wird. Dimme ab dem späten Nachmittag das Licht, reduziere Lautstärke und Besuch, schaffe eine reizarme Umgebung. Dein Baby lernt so, dass jetzt die Ruhephase beginnt – auch wenn es noch Wochen dauert, bis es darauf entspannt reagieren kann.

Bauchmassage und Wärme

Eine sanfte Bauchmassage im Uhrzeigersinn kann bei Blähungen helfen. Auch ein warmes Kirschkernkissen auf dem Bauch (Temperatur prüfen!) oder ein warmes Bad entspannen viele Babys. Die "Radfahrer-Übung" – sanftes Bewegen der Beinchen zum Bauch hin – kann Luft im Darm lösen.

Ernährung überprüfen

Wenn du stillst, kannst du beobachten, ob bestimmte Lebensmittel das Schreien verstärken. Klassische "Verdächtige" sind Kuhmilchprodukte, Kohl, Zwiebeln, Zitrusfrüchte oder Koffein. Lass aber nicht vorschnell viel weg – oft besteht kein Zusammenhang. Bei Flaschennahrung kann ein Wechsel der Sorte oder Anti-Kolik-Sauger helfen, besprich das aber mit deiner Kinderärztin.

Tipp: Führe ein Schreitagebuch über eine Woche: Notiere Zeitpunkt, Dauer, was du gegessen hast (beim Stillen), was geholfen hat und was nicht. So erkennst du Muster und kannst sie mit der Kinderärztin besprechen.

🛡️ Wie du dich selbst schützt: Umgang mit der Belastung

Stundenlang ein schreiendes Baby zu begleiten, ist eine der härtesten Herausforderungen im ersten Lebensjahr. Es ist völlig normal, dass du dabei an deine Grenzen kommst – und darüber hinaus.

Deine Gefühle sind normal

Hilflosigkeit, Wut, Verzweiflung, Schuldgefühle – all das gehört dazu. Viele Eltern berichten von Gedanken wie "Ich halte das nicht aus" oder "Ich bin eine schlechte Mutter/ein schlechter Vater". Diese Gedanken machen dich nicht zu schlechten Eltern, sie machen dich zu erschöpften Menschen in einer extrem belastenden Situation.

Pausen sind lebensnotwendig

Wenn du merkst, dass deine Anspannung zu groß wird, ist es vollkommen richtig, dein Baby sicher in sein Bettchen zu legen, den Raum zu verlassen und für fünf Minuten durchzuatmen. Dein Baby nimmt in diesen Minuten keinen Schaden, aber du kannst neue Kraft tanken. Öffne ein Fenster, trink ein Glas Wasser, atme bewusst.

Hilfe annehmen

Du musst das nicht allein durchstehen. Partner, Großeltern, Freundinnen – lass sie übernehmen, auch wenn sie das Baby "nur" halten, während es schreit. Diese Pausen sind wichtig. Es gibt auch professionelle Hilfe:

  • Schreiambulanzen: Spezialisierte Beratungsstellen in vielen Städten
  • Frühe Hilfen: Kostenlose Unterstützung durch Familienhebammen
  • Elterntelefon: 0800 111 0 550 – anonym und kostenfrei
  • Stillberatung: Kann bei Ernährungsfragen helfen

In meiner schlimmsten Phase habe ich meinem Mann das Baby gegeben und bin einfach nur eine Runde um den Block gelaufen – ohne Handy, ohne Ziel. Diese 15 Minuten haben mir geholfen, wieder klarer zu denken. Und weißt du was? Meinem Baby ging es nicht schlechter, nur weil ich mal kurz raus war. Manchmal ist das Beste, was du für dein Baby tun kannst, gut für dich selbst zu sorgen.

Nadine Scheiner Redakteurin & Mama

Niemals schütteln!

Auch wenn die Verzweiflung überwältigend ist: Schüttle niemals dein Baby. Schon kurzes, heftiges Schütteln kann zu schwersten Hirnschäden oder zum Tod führen. Wenn du den Impuls verspürst, lege dein Baby sofort sicher ab und verlasse den Raum. Hole dir dann umgehend Hilfe – das ist kein Versagen, sondern verantwortungsvoll.

🌙 Langfristige Strategien und Vorbeugung

Während du das akute Schreien nicht verhindern kannst, gibt es Ansätze, die die Intensität möglicherweise mildern und dir helfen, besser durch diese Phase zu kommen.

Reizarme Tagesgestaltung

Wenn dein Baby zu Überreizung neigt, kann eine bewusst ruhige Tagesgestaltung helfen. Das bedeutet nicht, dass du dein Baby in Watte packen sollst, aber:

  • Vermeide zu viele Besuche und Ortswechsel an einem Tag
  • Schaffe regelmäßige Ruheinseln, auch wenn dein Baby nicht schläft
  • Achte auf Müdigkeitszeichen und lege dein Baby schlafen, bevor es übermüdet ist
  • Reduziere grelles Licht und laute Geräusche, besonders nachmittags

Optimale Schlafbedingungen

Ein ausgeruhtes Baby schreit oft weniger. Achte auf gute Schlafbedingungen: dunkler, kühler Raum (16-18°C), keine Überstimulation vor dem Schlaf, altersgerechte Wachphasen. In den ersten Wochen sollte dein Baby nicht länger als 1-2 Stunden am Stück wach sein.

Probiotika und Ernährung

Einige Studien deuten darauf hin, dass bestimmte Probiotika (z.B. Lactobacillus reuteri) bei manchen Babys das Schreien reduzieren können, besonders wenn Verdauungsprobleme eine Rolle spielen. Sprich mit deiner Kinderärztin darüber, ob das für euch eine Option ist. Die Studienlage ist noch nicht eindeutig, aber einen Versuch kann es wert sein.

Osteopathie und Körpertherapie

Manche Eltern berichten von guten Erfahrungen mit Osteopathie, besonders nach schwierigen Geburten. Die sanften Techniken sollen Blockaden lösen und das Baby entspannen. Achte darauf, dass die Therapeutin oder der Therapeut auf Säuglinge spezialisiert ist. Die Kosten werden von einigen Krankenkassen anteilig übernommen.

📋 Verschiedene Formen des Schreiens unterscheiden

Nicht jedes Schreien ist gleich. Mit der Zeit wirst du lernen, verschiedene Schreiarten zu unterscheiden – auch wenn das am Anfang unmöglich erscheint.

Schreiart Charakteristik Was hilft?
Hungerschreien Beginnt leise, wird rhythmisch lauter; Baby saugt an Händen, sucht mit dem Mund Füttern – achte auf frühe Hungerzeichen, bevor das Schreien beginnt
Müdigkeitsschreien Quengelnd, unrhythmisch; Baby reibt Augen, wendet Blick ab, überstreckt sich Abdunkeln, beruhigende Routine, Tragen oder Wiegen
Reizüberflutung Plötzlich einsetzendes Schreien in lauter Umgebung; Baby wendet sich ab Rückzug in ruhige Umgebung, wenig Stimulation, Nähe
Schmerz-/Koliken-Schreien Hochfrequent, intensiv; angezogene Beine, roter Kopf, angespannter Körper Fliegergriff, Bauchmassage, Wärme, Tragetuch; bei Verdacht auf Krankheit: Arzt
Regelschreien Zur gleichen Tageszeit (meist abends), ohne erkennbaren Grund, schwer zu beruhigen Geduld, verschiedene Beruhigungstechniken ausprobieren, Durchhalten
Langeweile Eher selten bei ganz kleinen Babys; quengelnd, hört auf bei Beschäftigung Perspektivwechsel, Umgebung zeigen, mit Baby sprechen

Das Schreitagebuch als Werkzeug

Ein Schreitagebuch hilft dir nicht nur, Muster zu erkennen, sondern auch zu sehen, dass es Fortschritte gibt – selbst wenn es sich nicht so anfühlt. Notiere täglich:

  • Zeitpunkt und Dauer des Schreiens
  • Was davor passiert ist (Füttern, Schlafen, Besuch etc.)
  • Was geholfen hat (auch wenn nur kurz)
  • Stuhlgang und Auffälligkeiten
  • Deine eigene Verfassung (1-10)

Nach einer Woche kannst du zurückblicken und siehst vielleicht: Montag war besser als Sonntag. Oder: Nach dem Spaziergang war es ruhiger. Diese kleinen Erkenntnisse geben Orientierung.

👨‍👩‍👧 Partner und Familie einbeziehen

Ein schreiendes Baby belastet die ganze Familie, besonders die Partnerschaft. Offene Kommunikation ist jetzt wichtiger denn je.

Gemeinsam durchhalten

Teilt euch die Abende auf, wenn möglich. Vielleicht übernimmt einer von euch die erste Stunde, der andere die zweite. Oder ihr wechselt euch tageweise ab. Wichtig ist, dass beide auch mal eine Pause bekommen – auch wenn das bedeutet, dass der andere allein mit dem schreienden Baby ist.

Vorwürfe vermeiden

In der Erschöpfung kommen schnell Vorwürfe: "Du machst es falsch", "Bei mir schreit es nicht so sehr" oder "Du könntest dich mehr anstrengen". Versucht, euch bewusst zu machen: Niemand ist schuld. Das Baby schreit nicht wegen euch, sondern trotz euch. Ihr macht beide euer Bestes.

Geschwisterkinder nicht vergessen

Wenn ihr bereits ältere Kinder habt, brauchen diese jetzt besondere Aufmerksamkeit. Das ständige Schreien kann auch sie verunsichern oder stressen. Erklärt ihnen altersgerecht, was los ist: "Das Baby muss noch lernen, sich zu beruhigen. Es tut ihm nicht weh, es ist nur anstrengend für das Baby und für uns." Plant bewusst Zeiten ein, in denen ihr euch nur den größeren Kindern widmet.

🔬 Was sagt die Forschung?

Die Wissenschaft beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Phänomen des Regelschreiens, und einige Erkenntnisse können dir helfen, die Situation besser einzuordnen.

Kulturelle Unterschiede

Interessanterweise zeigen Studien, dass Babys in verschiedenen Kulturen unterschiedlich viel schreien. In westlichen Industrienationen schreien Babys im Schnitt mehr als in Kulturen, in denen Babys ständig getragen werden und sehr viel Körperkontakt haben. Das bedeutet nicht, dass du etwas falsch machst – aber es zeigt, dass Umgebungsfaktoren eine Rolle spielen können.

Langzeitfolgen

Eine wichtige Botschaft aus der Forschung: Regelschreien hat keine negativen Langzeitfolgen für die Entwicklung deines Kindes. Babys, die in den ersten Monaten viel geschrien haben, entwickeln sich genauso gut wie andere Kinder – vorausgesetzt, sie werden liebevoll begleitet und nicht vernachlässigt.

Elterliche Belastung

Was die Forschung allerdings auch zeigt: Die Belastung für Eltern ist enorm und kann das Risiko für postpartale Depressionen erhöhen. Deshalb ist es so wichtig, dass du dir Hilfe holst, wenn du sie brauchst. Das ist keine Schwäche, sondern Fürsorge – für dich und dein Baby.

❓ Häufige Fragen

Wie lange darf ich mein Baby schreien lassen?

Diese Frage beschäftigt viele Eltern. Die Antwort ist differenziert: Du sollst dein Baby nicht "schreien lassen" im Sinne von ignorieren oder allein lassen, um es zu "erziehen" – das ist bei kleinen Babys nicht angebracht und kann das Urvertrauen beeinträchtigen. Aber: Es ist völlig in Ordnung, dein Baby für ein paar Minuten sicher im Bettchen zu legen, wenn du selbst eine Pause brauchst, um dich zu sammeln. Dein Baby nimmt dadurch keinen Schaden, und du kannst danach wieder ruhiger für es da sein. Wichtig ist, dass du zurückkommst und dein Baby nicht über längere Zeit allein lässt.

Kann zu viel Tragen verwöhnen oder schaden?

Nein, das ist ein Mythos. Du kannst ein Baby in den ersten Lebensmonaten nicht verwöhnen. Körperkontakt und Nähe sind Grundbedürfnisse, keine Luxuswünsche. Tragen fördert sogar die gesunde Entwicklung der Hüfte (bei korrekter Anhock-Spreiz-Haltung) und stärkt die Eltern-Kind-Bindung. Wenn dein Baby durch Tragen ruhiger wird, ist das ein Zeichen, dass es genau das braucht – keine Schwäche deinerseits.

Mein Baby schreit nur bei mir, nicht beim Papa – mache ich etwas falsch?

Nein! Viele Babys schreien tatsächlich mehr bei der Hauptbezugsperson (meist der Mutter), weil sie bei ihr am meisten "loslassen" können. Bei dir fühlt sich dein Baby sicher genug, um seine Anspannung rauszulassen. Beim Papa oder anderen Personen ist es vielleicht noch etwas "auf Empfang", also angespannter – und schreit deshalb weniger. Das ist kein Zeichen dafür, dass du etwas falsch machst, sondern dass dein Baby dir vertraut.

Hilft Fencheltee oder Kümmelzäpfchen wirklich?

Die Evidenz für diese traditionellen Hausmittel ist begrenzt. Fencheltee sollte bei Säuglingen unter sechs Monaten nur in Absprache mit der Kinderärztin gegeben werden, da er Stoffe enthält, die in größeren Mengen problematisch sein können. Kümmelzäpfchen können bei Blähungen manchmal helfen, wirken aber nicht bei allen Babys. Sab Simplex oder Lefax (Simeticon-Tropfen) sind häufig empfohlene Mittel gegen Blähungen – auch hier sind die Studienergebnisse gemischt, aber einen Versuch kann es wert sein. Sprich am besten mit deiner Kinderärztin über sinnvolle Optionen.

Ab wann sollte ich eine Schreiambulanz aufsuchen?

Wenn du das Gefühl hast, dass du an deine Grenzen kommst, ist es nie zu früh für professionelle Unterstützung. Konkrete Anhaltspunkte sind: Das Schreien dauert länger als drei Stunden täglich über mehrere Wochen, du fühlst dich dauerhaft überfordert oder verzweifelt, du hast aggressive Impulse gegenüber deinem Baby, deine Partnerschaft leidet massiv, oder du vermutest eine postpartale Depression. Schreiambulanzen sind genau für diese Situationen da – ohne Vorwürfe, mit viel Verständnis und praktischer Hilfe.

Wird mein Baby später ein "schwieriges" Kind, wenn es jetzt viel schreit?

Nein, das lässt sich so nicht sagen. Regelschreien in den ersten Lebensmonaten sagt nichts über das spätere Temperament oder Verhalten deines Kindes aus. Viele Babys, die anfangs viel geschrien haben, werden zu ausgeglichenen, fröhlichen Kindern. Das frühe Schreien ist eine Entwicklungsphase, keine Charaktereigenschaft. Was allerdings stimmt: Manche Babys sind von Anfang an sensibler und brauchen mehr Unterstützung bei der Regulation – das kann sich auch später zeigen, bedeutet aber nicht automatisch "schwierig", sondern einfach "intensiv" oder "feinfühlig".

🌟 Zum Schluss: Du schaffst das!

Die Phase des abendlichen Schreiens fühlt sich endlos an, wenn du mittendrin steckst. Jeder Abend scheint eine Ewigkeit zu dauern, und du fragst dich, ob es jemals besser wird. Aber es wird besser – das verspreche ich dir. In einigen Wochen oder Monaten wirst du zurückblicken und kaum glauben können, dass diese intensive Zeit vorbei ist.

Bis dahin: Sei nachsichtig mit dir selbst. Du musst nicht perfekt sein, du musst nicht jedes Schreien sofort beenden können, du darfst auch mal erschöpft, genervt oder verzweifelt sein. All das macht dich nicht zu schlechten Eltern – es macht dich zu einem Menschen, der gerade Unglaubliches leistet.

Dein Baby braucht keine perfekten Eltern. Es braucht Eltern, die da sind, die es halten (auch wenn es schreit), die es nicht aufgeben. Und genau das tust du, indem du diesen Artikel liest, dich informierst und nach Wegen suchst. Du bist genau richtig für dein Baby.

Merke dir: Diese Phase geht vorbei. Sie definiert nicht dich als Mutter oder Vater, und sie definiert nicht dein Baby. Es ist ein Abschnitt, ein Entwicklungsschritt – anstrengend, ja, aber vorübergehend. Halte durch, hole dir Hilfe, und vertraue darauf, dass ruhigere Zeiten kommen werden.

Nadine Scheiner

Gründerin von moms.de, zweifache Mutter (Kinder geboren 2014 und 2016). Sie schreibt seit 2017 Ratgeber rund um Schwangerschaft, Geburt und Familienleben.

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